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Jungendarbeits-markt Juli 2020

Eckpunkte für Corona-Update Jugendarbeitslosigkeit

 

 

 

1. Aktuelle Situation

 

Die zukünftige Entwicklung am Arbeitsmarkt ist derzeit schwer einschätzbar. HIS, WIFO und OeNB gehen für das nächste Jahr trotz einer wirtschaftlichen Erholung (erwartetes Wachstum 4,3% bis 5,8%) von einem schwierigen Arbeitsmarkt aus und erwarten 2010 eine Arbeitslosenquote (internationale Definition) von 5,2 bis 5,8%. (https://www.oenb.at/isaweb/report.do?lang=DE&report=7.2.1)

 

Für die Situation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Arbeitsmarkt ergibt sich folgendes Bild:

 

Altersgruppen

arbeitslos

in Schulung

lehrstellen- suchend1)

Gesamt

 

Juli_2019

15 bis 19 Jahre

4.535

12.108

8.022

24.665

20 bis 24 Jahre

22.866

11.328

747

34.941

15 bis 24 Jahre

27.401

23.436

8.769

59.606

 

Juli_2020

15 bis 19 Jahre

5.818

11.461

10.500

27.779

20 bis 24 Jahre

35.932

10.147

1.056

47.135

15 bis 24 Jahre

41.750

21.608

11.556

74.914

 

Veränderung Index 2020/2019

15 bis 19 Jahre

128

95

131

113

20 bis 24 Jahre

157

90

141

135

15 bis 24 Jahre

152

92

132

126

         

 

Quelle: AMS-Online-Daten und AMS-Zusatzauswertungen; eigene Berechnungen; Anmerkungen: nur Lehrstellensuchende, die sofort verfügbar sind.

 

 

 

Verwendet wird die nationale Definition der Arbeitslosigkeit, da die internationalen Daten noch wenig aussagekräftig sind. Der stärkste Anstieg ist in der Gruppe der 20 bis 24-Jährigen von 35 auf 47 Tausend Betroffene (Personen in Kurzarbeit nicht eingerechnet) zu beobachten. Entgegen dem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Lehrstellensuchenden sind die Schulungen rückläufig.

 

 

 

2. Ableitungen

 

Aus den Daten lässt sich ableiten:

 

Besonderes Augenmerk sollte der Gruppe der 20 bis 24-Jährigen geschenkt werden.

 

Ursachen für den Anstieg in dieser Gruppe sind konjunkturell (Corona bedingt) und strukturell (bereits vor Corona präsent).

 

Ad konjunkturelle Ursachen: Da Erholung am Arbeitsmarkt langsamer eintreten wird, wären Beratungs- und Weiterbildungsangebote wichtig, die unmittelbar einsetzen à derzeit nicht bekannt, ob diese in Vorbereitung sind.
Eingerichtet wurde dazu im Juli eine Taskforce des Arbeits-, Wirtschafts- und Bildungsministeriums, ab Herbst soll eine Arbeitsstiftung bei der Weiterqualifizierung und Umschulung unterstützen. BM Aschenbacher: „Man investiere darin bis zu 700 Millionen Euro. Bis zu 100.000 Menschen sollen davon profitieren.“
https://orf.at/stories/3175404/

 

Fakt ist derzeit (siehe oben):

 

·        Schulungsteilnahmen sind bisher nicht gestiegen, sondern rückläufig. Wichtig, dass es im Herbst hier zu einer deutlichen Erhöhung kommt.

 

 

 

Ad strukturelle Ursachen: mehrere Faktoren

 

Wichtige strukturelle Ursachen, die mit hohem Arbeitslosigkeitsrisiko verbunden sind, sind: hoher Anteil an sogenannten „Risikoschüler*innen“ und früher Schulabbruch (muss nicht mit 14 passieren, kann auch erst mit 17 oder 18 Jahre sein):

 

·        Anteil Schüler*innen mit nicht ausreichenden Kompetenzen: Ende Volkschule=11 % bis 15 %, Ende der Pflichtschule=17 % bis 24 % (Bezogen auf eine Jahrgangsstärke von ca. 85.000 Jugendlichen, sind das ca. 14.000 bis 20.000 Jugendliche, die am Ende der Schulpflicht nur über geringe Kompetenzen verfügen)

 

·        Anteil früher Schulabgänger*innen=9,5% (Mikrozensus, höher bei Registerdaten). In Zukunft eventuell geringer, wenn Maßnahmen der Ausbildungspflicht bis 18 Jahre voll wirken

 

Wichtig ist Prävention: Vermeidung des (Aus)Bildungsabbruchs à Maßnahmen im Schul- und Ausbildungssystem (sozialindizierte Mittelvergabe, ganztätige Schulformen, Elementarbildung, …)

 

Verstärkend wirkt ein Auslaufen von bestimmten Maßnahmen mit 18 Jahren, Ausbildungspflicht bis 18 Jahre, Jugendhilfe, Jugendpsychiatrie usw.  à bereits in unserer ersten NEET-Studie aus dem Jahr 2014 Forderung nach flexiblerer Handhabung der Altersgrenzen. Gleichzeitig muss aber auch die spezifische Situation der 20- bis 24-Jährigen beachtet werden, etwa größerer finanzieller Bedarf wegen Unabhängigkeit

 

 

 

3. Fazit

 

·        Zielgruppenorientierte Programme (Corona-Krise à neue Zielgruppen, wie Schüler*innen mit einer Lehrzusage; junge Erwachsene, die eine Lehr erfolgreich abgeschlossen haben; Uniabsolvent*innen usw.)

 

·        Situation und die erforderlichen öffentlichen Investitionen für Wandel in Richtung eines ökologischen und sozialen Umbaus nutzen

 

·        Beratungs- und Weiterbildungsangebote für konjunkturell bedingt arbeitslos gewordene Jugendliche und junge Erwachsene, besser wären Arbeitsangebote. Hilfreich hierfür könnte sein: Ausbau des AMS-Solidaritätsprämienmodells, welche die freiwillige Reduktion der Arbeitszeit von Beschäftigen zugunsten eines neuen Arbeitsplatzes belohnt. (vier Personen – Reduktion im 20 Prozent à Anstellung einer Person à AMS übernimmt die Hälfte des Einkommensausfalls), vermutliche aber umfangreichere, branchenspezifische Arbeitszeitverkürzungen erforderlich (àkönnte auch die Attraktivität von bestimmten Mangelberufen (z.B. in der Pflege) erhöhen)

 

·        Lehrstellenangebote (privat, aber auch öffentlich), Monitoring, ob derzeitige Prämie von € 2.000,- bis 3.000,- ausreichend (bisher nicht der Fall)

 

·        Unterstützungs-, Ausbildungs-  und Trainingsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene mit nicht ausreichend erworbenen Kompetenzen à überbetriebliche Lehre, Produktionsschulen usw., erfolgreiche Konzepte vorhanden à Ausbau

 

·        Positive Botschaft aus Metastudie von Kluve et al. (2016, http://ftp.iza.org/dp10263.pdf ): Alle Maßnahmen wirken, wichtig ist die Kohärenz und Qualität der Umsetzung, Maßnahmen sind teuer und Wirkung oft nur sehr schwach, daher Prävention wichtig.

 

 

 

Gez. Bacher, 11.8.2020

 

 

 

 


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Arbeitsmarktzu-gang für Asyl-suchende Linz, 28.08.2018

Arbeitsmarktzugang für Asylsuchende

 

In ihrem Beitrag am 28. August 2018 im „Der Standard“ erinnert Irene Brickner zu Recht an die Aufnahmerichtlinie der EU, die einen Arbeitsmarktzugang für Asylsuchende spätestens neun Monaten nach Antragstellung empfiehlt (Artikel 15, EU-Aufnahmerichtlinie, https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex%3A32013L0033 ). Dieser ist auch während des Beschwerdeverfahrens gegen einen erstinstanzlichen Entscheid zu gewähren. Aus arbeitsmarktpolitischen Gründen kann Mitgliedern der EU, Angehörigen von Vertragsstaaten und Drittstaatenangehörigen Vorrang am Arbeitsmarkt eingeräumt werden.

 

In dem Kommentar wird aus soziologischer Sicht begründet, warum diese Richtlinie zu begrüßen ist. Auf der individuellen Ebene kann ein rascher Arbeitsmarktzugang von Asylwerbenden Resignation und Apathie vermieden. Er reduziert auch die Gefahr von kollektiven Protesten und Gewalt.

 

Sowohl Apathie, Resignation als auch kollektiver Protest verursachen soziale Kosten. Neben entgangenem Einkommen und Einnahmen aus Steuern und Abgaben sind dies Kosten im Bereich der gesellschaftlichen Kontrolle und Überwachung.